Ausstellung
"Elger Esser. Eigenzeit" im Kunstmuseum Stuttgart

in Stuttgarter Zeitung, 28.11.2009

Ab wann ist Nostalgie eigentlich modern? Das ist eine der vielen anregenden Fragen, die die aktuelle Sonderausstellung im Kunstmuseum Stuttgart stellt, und eine der Antworten lautet: Sobald sie ein intelligenter Reflex auf die Gegenwart ist - so wie diese großartige und vielschichtige Präsentation unter dem schön schillernden Titel „Elger Esser Eigenzeit“. Das Hauptmedium dieser Ausstellung sind Kamerabilder verschiedener Art, und es ergibt viel Sinn, hier nicht einfach von Fotografie zu sprechen. Denn Elger Esser ist zwar ein höchst bewanderter Fotograf (s. Kasten), doch seine Arbeiten und seine Selbstbeschreibung gehen mit feinen Nuancierungen weit über diese Berufsbezeichnung hinaus. Besonders gut nachzuvollziehen ist das an einer Stadtansicht von Lyon aus dem Jahr 1996, der allerersten jener Veduten, die später typisch werden sollten für Essers Arbeit. Auf der Suche nach einem Broterwerb versuchte er sich im ungeliebten Bildjournalismus, dessen Arbeitsweise er noch heute „beschämend zudringlich“ nennt. In Lyon blieb der nicht sehr rasende Reporter im Berufsverkehr stecken – eine segensreiche Zwangspause. Denn beim Umherstreifen der Blicke klickte es plötzlich in der Wahrnehmung des arretierten Reisenden. „Das ist ja ein Canaletto!“, dachte Esser überrascht, und hielt den Anblick von Fluss und Stadt mit seiner Großformatkamera fest. Daheim in der Dunkelkammer versuchte er, die korrekte Abstimmung von Bildhelligkeit und Farbe herzustellen. Als der erste Probeabzug das Tageslicht erblickte, erlebte Esser die zweite Überraschung mit diesem Motiv: „Der Fotograf in mir sagte: Viel zu gelb, viel zu hell. Der Künstler antwortete: Endlich kein Foto mehr, sondern ein Bild!“
Essers Weg von der Lyon-Vedute bis zu seinen heutigen, wunderbar vielschichtigen Bildverwandlungen ist nun in der ersten großen Einzelschau zu erleben. Die großzügigen, aufeinander bezogenen Raumfolgen des Stuttgarter Kunstmuseums erweisen sich als der ideale Ort dafür. Sie erlauben einerseits ein dichtes Geflecht von Bezügen, andererseits bieten sie genug Freiraum für jene Art von Flanieren, mit der Esser selber sich auf seinen Fotoreisen oft fortbewegt. Sein Thema ist die Landschaft, die Stuttgarter Auswahl versammelt ausschließlich französische Motive. Die Bilder sind großformatig, detailreich, zwar oft unverkennbar zeitgenössisch, aber keine Dokumentarfotos. Sie sind heller und warmtöniger als die realen Ortsansichten gewesen sein müssen, wodurch eine seltsam zeitentrückte, träumerische Stimmung entsteht.
Dieses elegische Gleiten durch Zeit und Raum führt direkt zu den Erweiterungen, mit denen Esser seine Fotografien umgibt. „Eigenzeit“ untersucht die Historie der Landschaftsdarstellung in Malerei, Literatur und einem besonderen Zweig der Fotografie, der frühen Fotopostkarte um 1900. Sie ist die erste vollends demokratisierte Bildform – erschwinglich für jedermann, millionenfach verschickt und empfangen. Um die vorletzte Jahrhundertwende ließ der Verleger Lucien Lévy ganz Frankreich fotografisch katalogisieren; Elger Esser hat aus diesem gigantischen Konvolut etwa 25.000 Motive hauptsächlich von der Atlantikküste gesammelt. Diese inflationären Miniaturen begegnen uns nun in wunderbar verwandelter Form. Da gibt es edle Klein-Vitrinen oder schöne Holzrahmen, in denen die Originale präsentiert werden; vor allem aber die umwerfenden Reproduktionen, die Esser davon anfertigt. Diese haben unterschiedlichste Formate, die stets aus einer festen Bezugsgröße hervorgehen: Esser hat alle Bilder so angefertigt, dass die Silber-Körnungen der originalen Fotos in einheitlicher Punktgröße erscheinen. So springen mal kleine Figuren in die sonnenbeschienene Brandung, mal liegen riesige Schiffswracks oder ein gestrandeter Wal auf wandfüllenden Tableaus.
Die meisten dieser Reproduktionen sind außerdem einem weiteren Eingriff unterzogen. Per Annonce hat Esser „Colorierer vom alten Schlag“ aufgespürt, die in tagelanger Handarbeit den großen Fotoabzügen malerische Flächen aufgelegt haben. Als weiteren Bearbeitungsschritt entfernt Esser die Textzeilen, die auf der Vorderseite der Originale Ort und Bildgegenstand nennen. Diese „Deliterarisierung“ leitet über ins nächste Terretorium von Essers Erkundungen, die Literatur.
In der Stuttgarter Ausstellung ist ein Raum Marcel Proust gewidmet, dessen zentrales Thema, die Erinnerung, auch Essers Arbeit bestimmt. Zudem thematisiert ein weiteres Kabinett die Wechselwirkungen von Malerei und Fotografie beim Thema Landschaft. Skurrilerweise war die Freiluftmalerei des späten 19. Jahrhunderts fortgeschrittener als die damalige Landschaftsfotografie: wo die Freiluftmaler impressionistisch abstrahierten und flüchtige Momente darstellten, wie etwa eine dramatische Gischt im Dunkeln, waren die Fotografen wegen der langen Dauer ihrer Belichtungszeiten auf statische Kompositionen angewiesen.
Aus der Langsamkeit gewinnt Elger Esser heute neue Qualitäten. Er hat die alte Lichtdrucktechnik der Heliogravüre reanimiert, und damit eine Hommage-Serie an Combray aufgenommen, den imaginären Schauplatz von Prousts Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.
Der Aufwand ist enorm. In Europa arbeiten heute nur noch zwei Heliograveure, die etwa acht Bilder pro Jahr herstellen. Die Druckplatten für Essers Bilder müssen aus Japan importiert werden – dort bringen sie quietschiges Dekor auf Chipstüten. Esser verleiht der altehrwürdigen Technik wieder einen Rang im Tempel der Kunst. Auf seinen Heliogravuren der verträumten französischen Provinz gehen helle, höchst präzise Bildteile in dunkle Bereiche über, die völlig undefiniert sind und aussehen wie Bleistiftzeichnungen. Die exakte Anmutung dieser Bereiche ist für den Fotografen nicht vorherzusehen oder zu bestimmen. Sie entsteht erst im Prozess des Druckens, und behält immer etwas Rätselhaftes.
So geht es dem Kamerakünstler, der nicht mehr alleiniger Autor seiner Bilder ist, ähnlich wie einem neugierigen, geduldigen Beobachter, der nun die Säle und Kabinette der Ausstellung durchstreift, und dabei unweigerlich auch in seinen Innenwelten unterwegs ist. Elger Esser steht im obersten Stockwerk des Kunstmuseums, zwischen Bildern zerfetzter Schiffswracks, schäumender Brandung und stillen Wasserflächen, und erlaubt sich den Anflug eines Lächelns. Wer weiß, woran er sich gerade erinnert.

Biographie:
Elger Esser, geboren 1967 in Stuttgart, ist in Rom aufgewachsen. Schon im Alter von 16 Jahren fing er an, als Pressefotograf zu arbeiten. Drei Jahre später begann er eine mehrjährige Fotografen-Ausbildung, sammelte danach Erfahrung in der Werbung und in Repro-Fotografie. Dann wandte er der kommerziellen Auftragsfotografie den Rücken. 1991 wechselte Esser an die Kunstakademie Düsseldorf und wurde 1997 einer der letzten Absolventen der berühmten Foto-Klasse von Bernd und Hilla Becher. Seit 2006 ist Elger Esser Professor an der HfG Karlsruhe.

Publikationen:
Elger Essers Landschaftsfotografien sind in einigen monographischen Bildbänden erschienen. Die Stuttgarter Ausstellung wird von einem vorzüglichen Katalogbuch begleitet, das neben vielen Abbildungen auch weiterführende Essays über Fotogeschichte und Wechselwirkungen mit der Literatur enthält, unter anderem von Cees Noteboom. Als Besonderheit ist im Kunstmuseum auch erstmals ein bibliophiler Band erhältlich, den Elger Esser im Eigenverlag produziert hat: Historische Fotos gestrandeter Schiffe, heute nachbearbeitet und neu editiert.


"Elger Esser. Eigenzeit" im Kunstmuseum Stuttgart
28.11.2009 - 11.4.2010
Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi, Fr 10-21 Uhr.

                                                                           
> zurück