Ausstellung

Olaf Otto Becker "Northern Traces"

Der Weltuntergang sieht ganz schön romantisch aus: sanfte Nebel ziehen über majestätische Eisberge, einen Hauch orange getönt vom Licht der arktischen Sonne. Im grönländischen Ilulissat war das, im Juli 2003, überwältigend prachtvoll festgehalten auf einer Fotografie von Olaf Otto Becker. Dessen Werke sind derzeit im Stadthaus Ulm zu sehen, in Form von drei exzellenten Bildbänden und etwa 60 großformatigen Wandbildern, allesamt aufgenommen in Grönland und Island. Becker ist ein fotografischer Handwerker der Spitzenklasse. Nur allererste Qualität in Sachen Schärfe, Farbe, Komposition und Präsentation verlässt seine Werkstatt. So liegt der Irrtum nahe, in seinen hoch ästhetischen Bildern gehe es um jene Klischees, die in zahllosen Bildbänden, Kalendern und Reiseprospekten wiedergekäut werden: Insel aus Feuer und Eis, Urlandschaft, Erhabenheit, Natur, Freiheit. Aber nichts da. Olaf Otto Becker bietet nur vordergründig Motive zum Schwärmen. Zwar ergießen sich seine Eiswüsten in elegischer Schönheit, leuchten die Kanten schwimmender Schollen bisweilen in betörendem Türkis, doch dieses Aufgebot an schierer Schönheit folgt einem völlig unsentimentalen Plan:

Olaf Otto Becker vermisst die Apokalypse des Klimawandels im arktischen Eis, mit fast wissenschaftlicher Akribie. Auf die Winkelsekunde genau vermerken seine Bildtitel die Kamerastandorte vieler Motive, so dass zukünftige Aufnahmen exakte Vergleiche ermöglichen. Becker hat solche vergleichenden Fotos bereits gemacht, im Abstand von Jahren. Mal gibt es keine sichtbaren Unterschiede, mal gewaltige. Gletscherzungen sind komplett verschwunden, Meeresbuchten liegen unverändert da, aus zwei Jungen wurden zwei Männer. Solche Meditationen über Zeit, Vergänglichkeit und Wahrnehmung unterscheiden Olaf Otto Beckers Arbeit von puren Dokumenten, ebenso wie von bloßem Umwelt-Aktivismus. Man nennt sie folglich Kunst. Dabei ist diese schwammige Vokabel denkbar unpassend, da bekanntlich alles und jedes zur Kunst erklärbar ist. Entgegen dieser Beliebigkeit ist Olaf Otto Becker vor allem eines: exakt. Die Präzision seiner Arbeit ist umfassend, von Jahrzehnte überspannenden Konzepten bis zum letzten Detail der Umsetzung. Seine beiden Fotografien des isländischen Wasserfalls Bjarnafoss aus den Jahren 1999 und 2011 zeigen sogar eine beinahe identische Wolkenlücke am Himmel, und die ist nicht digital manipuliert. Selbst im großen Bogen der Biografie zeigt sich Beckers Konsequenz: Nach gut dotierten Dekaden in der Werbung entschließt er sich 2004, nur noch an eigenen, frei gewählten Fotoprojekten zu arbeiten – wozu einiger Mut gehört, da nur eine Handvoll Fotokünstler von ihrem Metier leben können. Extrem konsequent geht Becker seine Projekte an. Für maximale Genauigkeit benutzt er eine Fachkamera. Das ist ein bleischwerer, analoger Apparat, dazu kommen kofferweise Filmkassetten und ein massives Stativ. Mit dieser Ausrüstung schipperte er 4000 Kilometer an der grönländischen Westküste entlang, mutterseelenallein, im Schlauchboot. Die zweite Grönland-Serie war schon rein physisch Hochleistungssport: die Tour führte wochenlang aufs grönländische Inlandeis. Tausende Höhenmeter, Gletscherspalten, arktisches Klima sind zu überwinden, das passende Wetter muss abgewartet werden, der Fotograf braucht bedeckten Himmel.

Fast alle Spuren, die Menschen auf diesen Bildern hinterlassen, sind erbärmlich: bei den grönländischen Eingeborenen stehen violette Adiletten und kitschige Porzellanfiguren herum; übergewichtige Touristen knipsen sich gegenseitig im schmelzenden Eis; in Island zerstören riesige Staudämme die Landschaft. „Anklage ist nicht meine Sache, eher Traurigkeit“, sagt Becker. Sein nächstes Thema ist die weltweite Vernichtung der Regenwälder. Der Stoff für grandiose, melancholische Bilder wird ihm nicht ausgehen

Andreas Langen

bis 18. März, Stadthaus Ulm, Münsterplatz
mo-sa 10-18, do – 20, so 11-18 Uhr
Bildbände „Broken Line“, Above Zero“, „Under the Nordic Light“
bei HantjeCantz

                                                                           
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